Karl von Habsburg im Kurier Interview

Kaiserenkel Familienoberhaupt Karl Habsburg im ersten Interview nach dem Tod seines Vaters über Adelstitel, Privates, Familienstreit und sein Leben als „Bürgerlicher“. Ein Habsburger in Blue Jeans? Der Enkel des letzten Kaisers im Sportpullover? Eineinhalb Jahre nach dem Tod Otto von Habsburgs steht sein Sohn Karl als Oberhaupt der Familie an der Spitze jener Dynastie, die Österreich 600 Jahre lang regierte. Im KURIER-Gespräch zeigt der 51-Jährige, dass er seit den Tagen, da wir ihn als Quizmaster und Europapolitiker erlebten, sichtlich gereift und in die Rolle als Familienchef hineingewachsen ist. Lesen Sie das erste große Interview mit Karl Habsburg nach dem Tod seines Vaters.

KURIER: Ihr Vater hat sich bereits im Jahre 2007 als Oberhaupt der Familie zurückgezogen und Sie zum Nachfolger ernannt. Hat sich für Sie in dieser Funktion nach seinem Tod etwas verändert?

Karl Habsburg: Mein Vater hat mich schon früh in vieles eingebunden und ich habe seit Jahrzehnten mit ihm zusammengearbeitet. Damit war der Übergang fließend, es ist nichts plötzlich auf mich zugekommen, ich glaube, dass er mich entsprechend darauf vorbereitet hat, daher hat das keine besondere Veränderung für mich gebracht.

Was sich geändert hat, ist, dass Ihr Vater der Zeitzeuge fast eines ganzen Jahrhunderts war – er hat noch Kaiser Franz Joseph gekannt, das Ende der Monarchie erlebt, er war im Widerstand gegen Hitler und als EU-Parlamentarier tätig. Da sind Sie doch in einer ganz anderen Situation?

Natürlich, in keiner anderen Zeit konnte jemand eine derartige Wandlung mitmachen. Darauf hat er seine Tätigkeit aufgebaut, und das kann man nicht kopieren. In seiner Funktion als Familienoberhaupt ist er unersetzbar, da gibt es keine Diskussion. Er war eine einzigartige Persönlichkeit mit all seiner Erfahrung und seinem Wissen.

Wie werden Sie von Menschen, die Ihnen begegnen, im Normalfall angesprochen?

Das ist problemlos, ich firmiere als Karl Habsburg oder Karl Habsburg-Lothringen und führe keine Titel. Probleme gibt es nur in Österreich, in anderen Ländern sind sie nicht so g’schamig, dort taucht die Frage gar nicht auf.

Ihr Großcousin Ulrich Habsburg-Lothringen hat vor Kurzem vorgeschlagen, die Adelstitel wieder einzuführen.

Er thematisiert vieles, das er als unrechtmäßig empfindet. Und das ist gut so. Man hat auch an den Reaktionen gesehen, dass dieses Thema empfindliche Punkte trifft.

Wäre es Ihnen lieber als „Kaiserliche Hoheit“ oder als „Erzherzog“ angesprochen zu werden?

Nein.

Wird sich durch den Wechsel an der Spitze des Hauses Habsburg etwas in der Familienpolitik oder am äußeren Erscheinungsbild ändern?

Ja natürlich, aber nicht weil ich statt meinem Vater Familienchef bin. Mein Vater hat eine kontinuierliche Politik verfolgt, indem er sagte, man muss sich den jeweiligen Umständen anpassen. Und da hat er eine Riesenvorleistung erbracht. Ich versuche dem nachzueifern, indem auch ich sage, die Familie muss sich den modernen Gegebenheiten stellen.

Die da wären?

In den letzten Jahren hat sich viel getan, etwa im Bereich der Kommunikation. Da gibt es ein breites Betätigungsfeld, um etwas für die Familie zu tun. Wir können untereinander kommunizieren wie das vor 15 Jahren nicht möglich war, daher besteht heute innerhalb der Familie viel mehr Kontakt.

Wie groß ist die Familie?

Es gibt weltweit an die 500 Familienmitglieder, 280 von ihnen leben in Österreich.

Wie viele von den 500 kennen Sie persönlich?

Sicher mehr als 90 Prozent.

Gibt es regelmäßige Treffen innerhalb der Familie?

Es gibt immer wieder Gelegenheiten, so hatten wir am Anfang des Jahres ein Treffen in Madeira, dort waren gut 100 Mitglieder. Ich versuche bei solchen Treffen möglichst immer dabei zu sein. Aber die ganze Familie zusammenzubringen, das ist unmöglich, weil sie in ganz Europa, in den USA, in Afrika und anderswo verstreut ist.

Sind die Habsburger eine homogene Familie oder gibt’s auch Streit?

Kennen Sie eine Familie, die ohne Streit auskommt? Was die Familie verbindet, ist das gemeinsame Bekenntnis zur Geschichte, und das steht auch außerhalb jeden Streits.

Ist die Familie so groß, weil sie frei nach dem Habsburger-Motto „Du glückliches Österreich, heirate!“ heute noch so viele Kinder hervorbringt?

Ja, das ist eindeutig so. Ein Cousin von mir hat acht Kinder, bei anderen ist es ähnlich. Als meine Großmutter, Kaiserin Zita, 1989 gestorben ist, waren mehr als 100 direkte leibliche Nachkommen da.

Ulrich Habsburg-Lothringen hat, ehe er für die Wieder­einführung der Adelstitel eintrat, beim Verfassungsgericht durchgesetzt, dass sich Habsburger in Zukunft zur Wahl des Bundespräsidenten stellen dürfen. Was halten Sie davon?

Er hat sich da eines Problemkreises angenommen, der völlig absurd war, wie ja alle Anti-Habsburgergesetze in der österreichischen Verfassung absurd sind, das ist historischer Müll. Er hat das thematisiert und ich begrüße es.

Ist es für Sie ein Thema, sich um die Position des Bundespräsidenten zu bewerben?

Ich seh’ das nicht. Obwohl man solche Fragen nie ausschließen soll, das ist eine prinzipielle Frage, aber aktuell sehe ich es nicht so.

Welchen bürgerlichen Beruf üben Sie aus?

Meine Haupttätigkeit und Passion ist mit der „Blue Shield Föderation“ verbunden, die sich weltweit der Rettung gefährdeter Kulturgüter annimmt. Beruflich bin ich als Medienberater im Rundfunkbereich tätig, wobei meine Hauptaktivitäten in Holland und Bulgarien liegen.

Sie haben 1992 im ORF als Quizmaster begonnen, um bekannt zu werden und diese Bekanntheit zur politischen Karriere zu nützen. War das ein Fehler?

Nein, das war eine interessante Erfahrung, die ich absolut nicht missen möchte.

Gibt es Überlegungen, sich in Zukunft wieder politisch zu engagieren?

In Österreich meint man damit immer gleich ein parteipolitisches Engagement. Da halt ich mich distanziert. Ich bin in keiner Eile, mich in Österreich um eine Funktion zu bewerben. Das sind Dinge, die ergeben sich oder ergeben sich nicht, aber momentan bin ich durch meine Tätigkeit so ausgefüllt, dass ich nicht auf der Suche nach einer anderen Arbeit bin.

Stehen Sie einer politischen Partei nahe?

Ich hab früher im Europäischen Parlament mit der ÖVP zusammengearbeitet und ich habe dort etliche Freunde. Ob mich das auch in die Nähe der Parteipolitik bringt, lasse ich dahingestellt, weil ich auch in der Zeit, als ich Abgeordneter war, mit reinen Parteigedanken echte Probleme hatte.

Ihr Vater hat 1961 auf den Thronanspruch verzichtet. Gilt der Verzicht nur für ihn oder für die ganze Familie?

Mein Vater hat für sich verzichtet. Aber es ist eine rein hypothetische Frage, ob das auf andere Mitglieder zutrifft oder nicht.

Weil Sie nie einen Thronanspruch stellen werden?

Ich halte es für höchst unwahrscheinlich. Aber ich will nicht kategorisch zu etwas Nein sagen, weil das immer gleich in eine bestimmte Richtung ausgelegt wird.

War es Ihrer Meinung nach für Ihren Vater ein traumatisches Erlebnis, nach 600-jähriger Habsburger-Herrschaft der erste Thronfolger zu sein, der nicht Regent wird?

Ich kann nicht beurteilen, wie seine Situation in jungen Jahren war, da hat seine Mutter großen Wert darauf gelegt, dass er bereitsteht, für den Fall, dass die Monarchie als Staatsform wieder da ist. Aber er hat die Zeitumstände verstanden und zu einem extrem frühen Zeitpunkt, in den 1930er-Jahren, die europäische Option erkannt. Und die hat er von da an konsequent verfolgt. Ich konnte bei ihm keine Traumatisierung feststellen, er war jemand, der in seiner historischen Überzeugung in sich geruht hat.

Hand aufs Herz: Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten – wären Sie gerne Kaiser?

Ich bin froh, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen kann. Es wäre schon meinem Vater nicht leicht gefallen, ein Monarch zu sein, der zu vielen Dingen Ja und Amen hätte sagen müssen, auch wenn es seinem Inneren widersprochen hätte. Und ich sehe das genauso. Ich sag’s ganz ehrlich, wenn ich in der Funktion wäre, würde ich Ihnen jetzt nicht in Jeans und Pullover gegenübersitzen, und ich finde es sehr angenehm, dass wir uns hier treffen können und ich zu Ihnen sage, entschuldigen Sie, ich bin im Stau gestanden und deswegen zu spät dran, und dass das alles kein Problem ist. Ich genieße die Tatsache, dass ich frei herumreisen kann, wie es meine Arbeit verlangt und mir Freude macht.

Aber es muss doch eine Tragödie für Sie sein, dass Großbritannien, Holland oder Belgien nach wie vor Monarchien sind, aber Österreich nicht!

Ich bin zu realistisch, um das als Tragödie zu sehen. Ich glaub’, wir hatten in der Endzeit der Monarchie, nicht zuletzt durch meinen Großvater, auch fortschrittliche Aspekte, vor allem im Sozialbereich. Es ist schade, dass man das nicht fortsetzen konnte. Aber ich hege da keine nostalgischen Gefühle.

Sie sind österreichischer Staatsbürger und stehen zu dieser Republik und all ihren Institutionen?

Ich stehe zu Österreich, selbstverständlich.

Wo liegt Ihr Lebensmittelpunkt?

Er pendelt zwischen Wien und Salzburg, aber ich komme durch meine Tätigkeiten sehr viel in der Welt herum.

Wie kann man sich Ihre Kindheit in Pöcking vorstellen – ging’s da wie bei Hof zu oder eher bürgerlich?

Eher bürgerlich, weil wir alle im Ort in öffentliche Schulen gingen. Aber es ist ein bisserl „wie bei Hof“ dazugekommen, weil wir über die Schule hinaus viel Spezialunterricht dazubekommen haben, besonders in Geschichte, Geografie, Sprachen und Religion, darauf haben meine Eltern Wert gelegt, und das hat uns Kindern gut getan.

Ist es in Ihrer Familie so, dass man in erster Linie „unter Seinesgleichen“ verkehrt?

Wie ich in einem normalen Umfeld erzogen wurde, so schaue ich auch, dass das bei meinen Kindern ist. Womit ich nicht sagen will, dass Adelige anormal sind, das sind die meisten sicher nicht. Auch meine Kinder gehen in öffentliche Schulen. Das ist wesentlich normaler, als man sich das vorstellt, wenn man die Klatschspalten liest.

Wird Ihr Sohn Ferdinand Zvonimir, wie das schon bei Ihnen der Fall war, zum künftigen Oberhaupt der Familie erzogen und wird das immer so weitergehen?

Ich kann das nicht für alle Ewigkeiten garantieren, aber so weit es in meiner Macht steht, gilt das für meinen Sohn, selbstverständlich.

In „Wikipedia“ steht, dass Sie seit 2003 von Ihrer Frau Francesca getrennt leben.

Ich bin für den Inhalt von „Wikipedia“ nicht verantwortlich.

Aber stimmt es?

Ich habe mir seit vielen Jahren zum Prinzip gemacht, dass ich zu familiären Fragen keine Stellung nehme.

Die Familie Habsburg wurde 1918 weitgehend enteignet. Sehen Sie das als Unrecht oder haben Sie Verständnis dafür?

Die Enteignung wurde zum Diebstahl, weil uns bestimmte Güter nicht retourniert wurden. Das wurde durch die Nazis und dann durch die Zweite Republik verstärkt. Ich finde dieses Unrecht sollte man auch benennen dürfen.

Ihr Cousin Karl Christian Habsburg hat 2003 einen Antrag auf Restitution von Schloss Laxenburg und anderen Liegenschaften gestellt, ist aber vor einem Schiedsgericht gescheitert. Ist die Angelegenheit damit abgeschlossen?

Wenn Unrecht geschehen ist, sollte man versuchen, das zurechtzurücken. Aber ich mache das nicht zu meinem Hauptanliegen.

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